Ibrahim Ismail und Bundeskanzlerin Angela Merkel Ibrahim Ismail und Bundeskanzlerin Angela Merkel Foto: Paidaia

"Lernbehinderter" Uni-Dozent ebnet verhaltensauffälligen Jugendlichen Weg zum Abitur

Hochintelligenter "Paidaia"-Gründer Ibrahim Ismail verbrachte fünf Jahre auf einer Sonderschule - heute ist berät er Bundeskanzlerin Angela Merkel in Jugendfragen.

Diese Story hätte sich selbst der phantasievollste Drehbuchautor Hollywoods nicht aus den Fingern saugen können. Ein kleiner Junge (6) aus Galiläa flüchtet im Libanon-Krieg mit seinen Eltern und drei Geschwistern nach Deutschland. Seine Familie findet eine neue Heimat in Vohwinkel. Hier kommt er in die erste Klasse der Grundschule. Ein Jahr später fliegt er – und landet auf der ‚Schule für Lernbehinderte‘. Die besucht er fünf Jahre lang. Nach einer speziellen Aufnahme-Prüfung kommt er dann doch noch auf die Hauptschule. Die nächste Station ist die gymnasiale Oberstufe einer Gesamtschule. Hier macht er sein Abitur. Nach seinem Studium der Sportwissenschaften an der Ruhr-Uni Bochum wird er von der Universität und dem Rotary Club Bochum-Hellweg mit dem Universitätspreis für exzellente Studienleitungen ausgezeichnet. Heute ist er an derselben Universität Lehrbeauftragter beim Lehrstuhl für Sportpädagogik und doziert im Bereich der Schwerpunkte Pädagogik, Sozial-Psychologie und Philosophie. Sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel lässt sich in Jugend-Fragen von ihm beraten. Die Zeitung DIE ZEIT schrieb über ihn: „Die Sozialarbeit hat er revolutioniert und erzielt damit bewegende Erfolge.“ Das ist kein modernes Märchen, das ist eine wahre Geschichte – die Vita von Ibrahim Ismail (35).


Heute kann der ehemalige Flüchtling über diese Story lachen: “Ich habe mittlerweile so viele Auszeichnungen in meinem Leben erhalten. Doch in meinem Büro hängt nur eine einzige an der Wand: Das Sonderschulzeugnis für Lernbehinderte. Dadurch werde ich jeden Tag daran erinnert, was ich kann und was ich erreicht habe. Außerdem hat dieses Zertifikat nicht jeder. Und es hält mich mit beiden Füßen am Boden.“ Ibrahim und seine Familie mussten elf Jahre lang um Ihr Bleiberecht kämpfen. Seine87 Geschwister sind alle Akademiker und beruflich erfolgreich.
Ibrahim Ismail interessierte sich schon früh für das Schicksal benachteiligter und zum Teil verhaltensauffälliger Jugendlicher in seiner neuen Heimat Vohwinkel. Deshalb gründete er bereits 2005 das Projekt ‚Neue Wege‘. Von den acht Protagonisten, die sich Ismail aus einer Gruppe von Jugendlichen mit Migrationshintergrund herausgriff, haben sieben das Abitur gemacht, einer schloss eine Berufsausbildung ab. Die zweite Generation war ähnlich erfolgreich. Insgesamt 43 Jugendliche aus dem Dunstfeld von Ismails Schützlingen haben inzwischen ihre allgemeine Hochschulreife erlangt. Zahlen, die für sich und für Ibrahim Ismail sprechen. Ein bemerkenswerter Nebeneffekt: Die Kriminalität im Quartier Osterholz (Wuppertal Vohwinkel) ging laut Polizeiangaben durch das Projekt „Neue Wege‘ stark zurück.


Was war denn die Triebfeder für sein soziales Engagement? Ibrahim Ismail: „Das Schlüsselerlebnis war meine eigene Biografie. Mir wurde gesagt, du kannst nichts, du bist lernbehindert. Ich hatte also nichts mehr zu verlieren. Aus der Situation entwickelte ich einen enormen Ehrgeiz. Und schließlich erreichte ich Ziele, die ich vorher für utopisch gehalten hätte. Als ich dann meinen Weg gemacht hatte, beruflich und gesellschaftlich, verstärkte sich bei mir das Gefühl, etwas zurückgeben zu müssen.“


Buchstäblich ein großer Knall rüttelte den Sportpädagogen endgültig wach: „Es gab in Vohwinkel regelrecht Krawalle. Eine Hundertschaft der Polizei war im Einsatz und plötzlich explodierte ein Molotow-Cocktail. Da wurde mir klar, ich muss etwas tun. Diese Spirale der Gewalt konnte ich nicht akzeptieren. In bin dann in den Brennpunkt hinein gegangen und habe ganz schnell gemerkt: Mit bespaßen und Fußball spielen kann ich hier gar nichts erreichen, ich muss schon etwas in den Köpfen verändern. Bei diesem Vorhaben haben mich glücklicherweise die Bezirksbeamten der Polizeiwache Vohwinkel und insbesondere der Polizeihauptkommissar Rainer Küpper und später Polizeihauptkommissar Ralf Pierlings massiv unterstützt. Ohne die Bezirksbeamten hätte ich es nicht geschafft und viele Jugendliche wären auf der Strecke geblieben. Außerdem wäre ich sicherlich nicht da, wo ich heute bin. Dafür möchte ich den Bezirksbeamten von ganzem Herzen danken!“
Ibrahim Ismail weiter: „Ich habe mir dann ein Programm überlegt, mit dem ich bei den gewaltbereiten Jugendlichen einen Bewusstseins-Wandel vollziehen wollte. Und dabei war Bildung ein wichtiges Element. Die Jugendlichen fanden es damals ja schon uncool, überhaupt einen korrekten deutschen Satz zu sprechen. Ich musste unbedingt eine positive Dynamik bei ihnen auslösen, aber von außen eingeschleuste Jugendliche mit hohem Bildungskapital hätten bei diesen Jugendlichen keine Chance gehabt: Sie wären als Vorbilder gar nicht akzeptiert worden. Daher suchte ich mir von den Jugendlichen aus dem Stadtteil acht Anführer heraus, die ein dominantes Auftreten hatten und über die nötige Intelligenz verfügten. Mit diesen acht Jungen wollte ich das Stadtviertel positiv verändern. Hierzu war es zunächst notwendig, dass sie den Mehrwert von Bildung erkannten. Schon damals wollte ich in dieser Gruppe auch Mädchen dabei haben, doch eine solche Arbeit mit Mädchen finanzierte mir keiner. Aus dem einfachen Grund, dass die Mädchen auf öffentlichen Plätzen und Straßen keine kriminellen Delikte begingen. Aus meiner Sicht eine verheerende und zu kurz gedachte Einstellung. Erst als ich mich etablieren konnte, habe ich die Mädchen gewinnbringend dazu nehmen können.“


Ibrahim Ismail formierte die acht jugendlichen Leader-Persönlichkeiten zu einer Gruppe und erklärte ihnen, dass sie ihm helfen müssten, ihren Stadtteil zu verändern. Und die Rechnung ging auf. Der Sport-Pädagogik-Dozent: „Ich musste allerdings am Anfang einen pädagogischen Trick anwenden. Ich gaukelte ihnen vor, mit ihnen eine paramilitärische Einzelkämpfer-Ausbildung zu machen. Da waren sie total motiviert. Im Rahmen dieser Ausbildung mussten die Jugendlichen dann unter anderem auch Bücher und topografische Karten lesen, Geländeanalysen machen und Kompass-Kunde betreiben. Die Jungen haben geackert wie die Bekloppten. Ich habe immer von ‚Elementen der Ausbildung‘ gesprochen, nie von Hausaufgaben. Die Kerle haben richtig gepaukt. Sie mussten mir die 600-Seiten-Bücher nach einer Woche gelesen zurückgeben. Am Schluss habe ich dann die Katze aus dem Sack gelassen und gesagt: ‚Das war keine Einzelkämpfer-Ausbildung, das war nur ein stinknormaler, militärisch verzierter Orientierungslauf. Ich wollte euch zeigen, wie toll es sein kann, zu lernen und Fähigkeiten zu entwickeln, um im wahrsten Sinne, nicht im „Wald“ stehen zu bleiben.“
Bei den acht Camp-Teilnehmern machte sich aufgrund des vermeintlichen Endes des Projektes zunächst eine gewisse Enttäuschung breit: ,Schade, dann sei ja jetzt alles vorbei.‘ Ibrahim Ismail beruhigte die Jugendlichen: „Ich habe denen klar gemacht, dass ich den ganzen Mist doch nicht gemacht hätte, um jetzt aufzuhören, sondern im Gegenteil, um erst richtig mit ihnen durchzustarten, nach dem Motto: Wir verändern jetzt den Stadtteil und ihr seid dabei die Multiplikatoren dieser positiven Veränderung.“ Damit war das Eis endgültig gebrochen – der Beginn einer pädagogischen und soziologischen Erfolgsgeschichte.


Ibrahim Ismail war auch die treibende Kraft, 2009 den universitären Verein ‚Paidaia‘ zu gründen, dessen Geschäftsführer er heute ist. Der Begriff Paidaia ist abgeleitet vom altgriechischen Paideia, der die Bildung und Erziehung thematisiert, die ein Jugendlicher erhält und die ihn sein ganzes Leben lang prägt. Die Leitlinien aus dem Vohwinkeler Modell, die im Kern beschreiben, wie ein Stadtteil entschärft und Bildungsambitionen gestärkt werden können, sind dann unter dem Titel „Rückenwind“ in die Philosophie des Vereins eingeflossen. Im Vorstand von Paidaia ist die Polizeiwache Vohwinkel seit Jahren durch Hauptkommissar Ralf Pierlings vertreten. ‚Paidaia‘ und seine Erfolgsprojekte strahlen mittlerweile weltweit aus. Die pädagogischen Handlungsleitlinien haben sich in weite Teile Europas verbreitet sowie u.a. in Südafrika, Tunesien, dem Libanon und den USA. Ibrahim Ismail, der als Flüchtling nach Deutschland kam, kann auf seine Arbeit stolz sein. Und auf seinen ganz persönlichen Werdegang erst recht...
Text: Peter Pionke

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