Benjamin S. (r.) neben einem seiner Verteidiger auf der Anklagebank Benjamin S. (r.) neben einem seiner Verteidiger auf der Anklagebank Foto: Sandra Berger

Springmann-Prozess: Ein verwöhnter Cambridge-Boy

Am 19. Verhandlungstag des Springmann-Mord-Prozesses riß selbst dem sonst so sachlichen und besonnenen Vorsitzenden Richter Robert Bertling der Geduldsfaden.

Wuppertal, 11.07.2018 - „Gehen Sie doch raus, wenn sie eine Pause brauchen“, rief er erkennbar genervt Verteidiger Bernsmann zu, der eine Unterbrechung der Verhandlung gefordert hatte. Der 19. Verhandlungstag hatte es auch sonst in sich. Die früherer Springmann-Sekretärin Brigitte S. stand über drei Stunden im Zeugenstand und gab zum Teil interessante Details über ihren ermordeten, früheren Chef preis. Es geht um die Aufklärung der Springmann-Morde, bei dem der 26jährige Enkelsohn und sein 45jähriger Geschäftspartner unter Mordanklage stehen.

Dass das Verhältnis der Zeugin zu dem angeklagten Enkelsohn des Verstorbenen nicht gerade gut war, konnte man gleich zum Beginn des Prozesstages erfahren. Die rot gekleidete, eloquente Ex-Sekretärin nannte den angeklagten Enkel einen verwöhnten „Cambridge-Boy mit gegelten Haaren“, bei dem sie Trauerbekundungen vermißt habe.

Ihr war daran gelegen, dass Image des Ermordeten zu korrigieren, dem von der Verteidigung in früheren Verhandlungstagen angeblich „fehlendes Rückgrat“ attestiert worden war. Die Zeugin hatte bis 1974 für Springmann in dessen Firma Hilgeland als Sekretärin gearbeitet und den Kontakt auch danach nie abreißen lassen. Noch am 91. Geburtstag von Enno Springmannn, am 21. Februar 2017, kurz vor der Ermordung, hatte es zwischen beiden ein Telefonat gegeben, das für die Aufklärung des Falles von Bedeutung sein könnte.

Die Frage war, ob Springmann zu diesem Zeitpunkt schon wußte, dass sein Enkelsohn das Studium bereits vor längere Zeit abgebrochen hatte. Ein daraus resultierende Streit mit der möglicherweise angedrohten Enterbung wäre für die Anklage das Mordmotiv. Kein Wunder, dass die Verteidigung jetzt jedes Wort der Zeugin gewichtete und versuchte, Widersprüche aufzudecken, die erst nach genauem Studium der Aufzeichnungsprotokolle und einer längeren Pause aufgeklärt werden konnten.

Mehrmals mußte Richter Bertling beschwichtigend eingreifen, als Brigitte S. von den vier Strafverteidigern ungewöhnlich scharf angegangen wurde.

Brigitte S. beschrieb Enno Springmann als zuletzt gebrochenen Mann, der den Niedergang seiner Firma nicht verkraftet hätte. Früher wäre er ein willensstarker Mann gewesen, der aufbrauste („Schlitten fuhr“), wenn ihm etwas nicht passte, aber auch einer, der jedem Rock hinterher geschaut hätte.

Wenn es in seinem Büro Damenbesuche gab, ging - so Brigitte S. - oft an der Tür eine rote Lampe an, die ein Eintrittsverbot signalisierte. Es habe in Ronsdorf viel Gerede über seine Affären gegeben. Ihre eigene Beziehung zu ihm sei indessen rein beruflicher Natur gewesen. Brigitte S. vertrat die Ansicht, dass Enno Springmanns Ehe mit seiner ebenfalls ermordeten Frau Christa  ohnehin nur durch das Geld zusammengehalten worden sei, welches sie mit in die Ehe gebracht hätte.

Springmann sen. sei ein typischer Bergischer Unternehmern gewesen, dem der äußere Schein immer sehr wichtig war. Er hatte immer von einer akademischen Karriere geträumt und alle Hoffnungen auf seine Nachkommen gesetzt, die seine Erwartungen offenbar enttäuscht hätten. Er hätte es nicht verkraftet, wenn sein Enkelsohn, auf den er soviel Hoffnungen gesetzt hatte, ihn belogen hätte, so die eloquente Brigitte S. Die Angeklagten schwiegen auch an diesem Verhandlungstag. Der Prozess wird kommenden Montag (16.07.) fortgesetzt.

Text: Siegfried Jähne

 

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