Haus 1 der Einrichtung Kinderhaus St. Michael Haus 1 der Einrichtung Kinderhaus St. Michael Foto: Dirk Sengotta

Die große Mär vom tristen Kinderheim

Die Mär vom Kinderheim! Vorbei die Zeiten, in denen Kinder und Jugendliche in großen, tristen, fast anonymen Gebäuden untergebracht wurden. Heute sind die Hilfen viel differenzierter und individueller.

Aus unserer Juni-Print-Ausgabe - Wuppertal, 13.06.2018 - Lange dunkle Flure, viele Räume die von ihnen abgehen, Kindergeschrei auf der einen, Zucht und Ordnung auf der anderen Seite. Eine bedrückende Atmosphäre, irgendwo zwischen Hoffnungslosigkeit und Mitleid. Als das Kinderheim St. Michael am Uellendahl Ende der 1880er-Jahre gebaut wurde, war das die Realität.

Was heute allenfalls noch in Filmen auftaucht, überzeichnet und mit dem typischen Blick Hollywoods teilweise sogar romantisch verklärt, hat sich heute glücklicherweise so sehr verändert, dass es sich lohnt, einmal genauer hinzuschauen.

Das fängt beim Namen an, denn „Kinderheim“ sagt heute kaum noch jemand. Es ist von Wohngruppen die Rede, was den Kern der Sache auch eindeutig besser trifft. Dabei geht es vor allem um eine Entstigmatisierung, erklärt Claudia Blasberg, Jugendhilfeplanerin bei der Stadt Wuppertal. „Die meisten Kinder und Jugendliche leben heute in einem ganz normalen Wohnumfeld, in Wohngruppen in Einfamilienhäusern die sich von außen durch nichts von jedem anderen Haus unterscheiden.“

Dabei ist die Art der Hilfe in den vergangenen Jahren vor allem vielfältiger geworden – auch dank des Gesetzgebers. „Durch eine Vorgabe des Landesjugendamtes dürfen zum Beispiel Kinder unter sechs Jahren nicht mehr in einem Kinderheim untergebracht werden. Man legt großen Wert darauf, dass die Kinder in einem Familienähnlichen Umfeld aufwachsen“, sagt Blasberg. Diese individuellen Unterbringungsformen können beispielsweise Verwandtenpflege, Pflegefamilien, Erziehungsstellen und Gastfamilien sein.

Dabei ist die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die auf stationäre Hilfe angewiesen sind, in den vergangenen Jahren leicht gestiegen. Waren beispielsweise 2013 etwa 430 Kinder und Jugendliche in Pflegefamilien untergebracht und rund 560 in anderen Einrichtungen, so lagen diese Zahlen 2016 bei 560 beziehungsweise 730. Zurückzuführen ist das vor allem auf die Aufnahme von unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlingen, erklärt Blasberg. „Ohne sie sind diese Zahlen seit mehreren Jahren recht konstant.“

Die Hilfen wiederum sind auf mehrere Schultern verteilt. Wuppertal ist geprägt durch eine sehr vielfältige Hilfe-Landschaft, wobei die unterschiedlichen Träger, von denen es insgesamt mehr als 20 gibt, sehr gut miteinander kooperieren.

„Die Anbieter der Hilfen zur Erziehung bilden zusammen mit der Verwaltung eine Arbeitsgemeinschaft“, erklärt Blasberg. Auf einer gemeinsamen Homepage werden die Träger mit ihren Angeboten und Leistungen vorgestellt. Deutlich wird hier auch die unterschiedliche methodische Arbeit. Gerade für ältere Kinder haben sich in den vergangenen Jahren Jugendwohngruppen etabliert.

„Wohngruppen haben oft den Vorteil, dass die Kinder in einem Umfeld mit anderen Familien oder Mietern leben und die untergebrachten Kinder und Jugendlichen so Normalität ohne Zuschreibungen oder Ausgrenzung erleben können.

Die Nachbarschaft bietet ähnlich wie eine Familie die Möglichkeit, angemessene Umgangsformen und Alltagskompetenzen zu erlernen“, sagt Blasberg. Entsprechend gewachsen sind dabei die Anforderungen an die betreuenden Sozialarbeiter und Erzieher, um die Kinder und Jugendlichen gut in das Wohnumfeld zu integrieren.

Während die Hilfen sich in den vergangenen Jahren also immer weiter ausdifferenziert haben, verschwinden die klassischen Einrichtungen zusehends – und das ist im Falle des Kinderheims St. Michael ganz wörtlich zu verstehen, denn nach dessen Abriss soll dort ein generationenübergreifendes Wohnprojekt entstehen.

Oder um es mit den Worten von Claudia Blasberg auszudrücken: „Heute müssen sich Kinder nicht mehr an das anpassen, was da ist – denn es gibt ein vielfältiges Angebot und für jeden Bedarf auch eine Lösung.“ www.erziehungshilfen-wuppertal.de

Text: Jan Filipzik

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