Die Gemarker Kirche Die Gemarker Kirche Foto: Siegfried Jähne

Die „Barmer Erklärung“ muss für Vieles herhalten

Die „Barmer Erklärung“ muss für Vieles herhalten. Rezension eines neuen Buches zur Zeitgeschichte Wuppertals, der Stadt mit der größten Religionsvielfalt.

Aus unserer April-Print-Ausgabe - Wuppertal, 14.04.2018 - Wem gehört Barmen? Diese provokante Frage ist der Titel eines Buches, dass  jetzt in Leipzig veröffentlicht wurde. Es geht um die „Barmer Erklärung“, eine der bekanntesten kirchlichen Texte des 20. Jahrhunderts. Es ist die Barmer Theologische Erklärung von 1934, die »Magna Charta« der Bekennenden Kirche. Sie hätte angeblich jedem totalitären Führungsanspruch eine Abfuhr erteilt.

In Wirklichkeit, so schreibt Autor Martin Schneider, habe sich der Bekenntniskampf keineswegs gegen das NS-Regime gerichtet, vielmehr ging es um Glaubensfragen und darum, ob die nationalsozialistische Ideologie eine zeitgemäße Verkündung prägen sollte. Autor Martin Schneider setzt sich mit dem kirchlichen Gründungsdokument und mit „Vereinnahmungsversuchen“ bis in die heutige Zeit von rechts bis links kritisch auseinander.

Eine eher kleine, unscheinbare Skulptur in der Barmer Fußgängerzone am unteren Werth erinnert an das Geschehen mit der Aufschrift: „Am 31. Mai 1934 beschloß die erste Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche die Barmer Theologische Erklärung in der Gemarker Kirche“.

Sie bekannte sich damals zu den in sechs Thesen ausgesprochenen biblischen Wahrheiten und wies mit dieser Erklärung „angesichts der die  Kirche verwüstenden Irrtümer“ einen klaren Weg.“ Diese Aussage versuchten jetzt Martin Schneider und der Historiker Peter Steinbach (FAZ 6.3.2018, Nr. 55) in einer Rezension mindestens zu relativieren.

„Sog der Anpassung“

Die Barmer Theologische Erklärung - so Schneider - gelte zu Recht als anerkanntes, protestantische Schlüsseldokument. Hier wurde u.a. der verbreiteten Tendenz zur Vergötterung des Führers sowie von „Blut und Boden“ eine klare Absage erteilt, weil es neben Christus und der Heiligen Schrift keine weitere Offenbarungsquelle gebe.

Dennoch blieben Defizite, die er in seinem Werk darzulegen versucht. Beschrieben wird der Konflikt der damaligen „neuen Zeit“, der viele Kirchengemeinden zerriss.  Das vom Nationalsozialismus propagierte „positive Christentum“ zog viele bekennende Christen in den Sog der Anpassung an die „nationalen Revolution“, die die Judenverfolgung nicht als moralische Herausforderung empfanden.

Die meisten Pfarrer und Landesbischöfe hätten 1933 nationalistisch gedacht, nicht selten auf den Führer gesetzt und bekundet, auf dem Boden des neuen Staates zu stehen.

Sehr eindrucksvoll wird Hitlers Suche nach Bündnispartnern, seine taktische Hinwendung, sein „Vertrauensfeldzug“ und sein Begriff vom positiven Christentum beschrieben, der indes nur das Ziel hatte, die Glaubensbewegung für sich und seine machtpolitischen Ziele zu nutzen.  

Obwohl „Katholik“, fehlte es Hitler selbst an der inneren Bindung zum Christentum. Was ihm imponierte, war die straffe, hierarchische Ordnung der Kirche. Im sogenannten „Kirchenkampf“  wurden am Ende aus 28 Landeskirchen eine einheitliche Reichskirche, insbesondere geprägt von den Nazis nahe stehenden „Deutschen Christen“.

Es war die Zeit der kirchlichen „Erklärungen“ und „Bekenntnisse“. Den Anfang machte das „Altonaer Bekenntnis“, als 1932 bei Zusammenstößen mit Hitlers „SA“ 18 Tote und zahlreiche Verletzte zu beklagen waren. Die Theologen wiesen darin alle Erwartungen und Ansprüche von politischer Seite zurück. An Bedeutung und Wirkung übertraf alle damaligen Texte aber bei weitem die „Barmer Theologische Erklärung“.

Im Mai 1934 waren 139 Synodalen aus nahezu allen deutschen Landeskirchen in der Gemarker Kirche Wuppertal zusammen gekommen. Ein Ort, den man bewusst gewählt hatte, weil er als konservativ-fromm, stark von der „Erweckungsbewegung“ (Bekehrung des Einzelnen und praktische christliche Lebensweise) geprägt galt.

Erbarmen mit Barmen?

Erklärt sich die Affinität deutschnationaler Bekenntnis-Christen aus ihrer Abhängigkeit vom Zeitgeist, illustriert die Rezeptionsgeschichte, dass die Gefahr, diesem Zeitgeist zum erliegen, auch nach dem Krieg keineswegs gebannt war und ist.

Die Wirkungsgeschichte der „Barmer Erklärung“ sei schillernd. Eindrucksvoll wird dargelegt, wie wenig Zurückhaltung sich manche Theologen in der DDR auferlegten, um „Barmen“ mit dem SED-Staat  in Einklang zu bringen. Aber auch im Westen bestimmten interkonfessionelle Veränderungen die Rezeption. Ob es um die Friedensbewegung, die Sozial-, Entwicklungs- oder Asylpolitik ging, immer wurde mit dem Barmer Bekenntnis argumentiert und zur Legitimierung unterschiedlichster Anliegen in Anspruch genommen.

Wie schon nach der Geschichte eines Spielfilms aus dem Jahre  2007, Titel
"Elli Makra - 42277 Wuppertal“, mit Handlung im Wuppertaler Osten, formulierte  die „FAZ“ jetzt einmal mehr ein Wortspiel: „Erbarmen in/mit Barmen?“.

Wie immer man dazu steht, auf jeden Fall ein lesenswertes Buch, das in der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig im Auftrag der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Kirchliche Zeitgeschichte (CuZ) erschienen ist. Preis 15 Euro. Die heutigen Pfarrer der Gemarker Kirche waren übrigens zu einer Stellungnahme zu diesem Thema nicht zu bewegen.

Text: Siegfried Jähne





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