Intendantin Adolphe Binder Intendantin Adolphe Binder Foto: Joakim Roos

Adolphe Binder: In den Fußstapfen von Pina Bausch

Die neue Intendantin des Tanztheaters Wuppertal hat schon Spuren hinterlassen. Lesen Sie Teil 1 des Interviews mit Adolphe Binder, die selbstbewusst in die Fußstapfen von Pina Bausch trat.

Aus unserer Juni-Print-Ausgabe - Wuppertal, 06.06.2018 -  Sie ist eine Frau, die weiß was sie will und die klare Vorstellungen und Visionen hat, wie sie das schwere Erbe von Tanztheater-Legende Pina Bausch schultern kann. Adolphe Binder, die neue Intendantin des Tanztheaters Wuppertal, will gewissenhaft mit der Schatztruhe, den Stücken von Pina Bausch umgehen. Doch sie möchte das Tanztheater auch im Geiste der weltberühmten Choreographin weiterentwickeln und behutsam in eine neue künstlerische Zukunft führen.

Einer der ersten Schritte auf diesem Weg war die umjubelte Uraufführung von „Seit sie“. Das von Theaterregisseur Dimitris Papaioannou inszenierte Werk war das erste komplett neue, abendfüllende Stück eines Gastchoreographen, das vom Tanztheater Wuppertal in 44 Jahren unter der Leitung von Adolphe Binder aufgeführt wurde. Es folgte am 02.06. bereits die zweite erfolgreiche Premiere im Opernhaus von „Neues Stück II - Eine Kreation von Alan Lucien Oyen“. Der STADTZEITUNG gab die motivierte und inspirierte Intendantin Adolphe Binder ein offenes und ehrliches Interview. Hier Teil 1:

DS: Wann haben Sie sich erstmals damit auseinandergesetzt, dass Sie in die Fußstapfen von Pina Bausch treten würden?

Adolphe Binder: „Vor circa drei Jahren wurde ich das erste Mal von einer internationalen Produzentengruppe, die meine Arbeit kannte, zu einem Treffen eingeladen. Da wusste ich allerdings nicht, dass sie eine Findungskommission waren. Es hieß vorab, das Tanztheater Wuppertal hätte starkes Interesse an meiner Expertise; daran, zu erfahren, mit welchem Konzept ich mein ex-Haus in Göteborg in den Erfolg geführt hätte. Sie fragten, wie ich die Entfaltung und Neuerung von etablierten Compagnien angehen würde. Bei dem Gespräch in Berlin wurde mir dann überraschend deutlich, worum es tatsächlich gehen sollte. Nämlich um die erste Intendanz nach Pina Bausch selbst. Also quasi in einer ihrer vielen Spuren der Zukunft entgegenzulaufen.“

DS: Haben Sie eigentlich vorher einmal im Traum daran gedacht, einmal Nachfolgerin von Pina Bausch zu werden?

Adolphe Binder: „Im Traum nicht! Im Tagtraum nicht. Und dazwischen auch nicht. Das Tanztheater Wuppertal hat mich klar begeistert und ich habe es ununterbrochen interessiert beobachtet. Pina Bausch war z.B. zu Gast in unserem Programm der Expo Hannover und 2013 habe ich ihr „Frühlingsopfer“ zum Jubiläum nach Göteborg eingeladen. Retrospektiv betrachtet scheint mein Leben vor Wuppertal eine einzige Vorbereitung auf diese Mammutaufgabe gewesen zu sein. Nichts passiert je zufällig, es gibt für alles eine Ursache also auch dafür, wo wir uns jeweils wiederfinden. Es geht ja letztlich für uns alle darum, zu lernen, zu wachsen. Life long learning.“

DS: Wie ist denn Ihre Entscheidungsfindung verlaufen?

Adolphe Binder: „Ich habe, wie gesagt, das Angebot gründlich bedacht, ein Konzept erarbeitet und in mich gehorcht, mich mit Begleitern ausgetauscht. Ich musste klären, ob der Gestaltungsrahmen in Wuppertal sich für mich zu eng erweisen würde, die Struktur womöglich zu starr - im Vergleich zu anderen Alternativen. Künstlerische Autonomie und Wirkmöglichkeiten sind für so einen Auftrag existentiell. Gesellschafterin und Management waren aber sehr bemüht, jegliche Sorge zu zerstreuen, mit Erfolg. Ich habe mich dann sehr bewusst entschieden mit aller Kreativität und Kraft dafür zu sorgen, dass Pina Bauschs Compagnie, die für den Tanz global wichtig war und ist, weiter geschützt blühen dürfe. Und auch Chancen und Ressourcen bekommt, sich teils neu zu erfinden.“

DS: Wie schwer ist es, ein Tanztheater im Geiste einer großen Persönlichkeit wie Pina Bausch fortzuführen?

Adolphe Binder: „Es ist zunächst einmal ein großes Glück, es zu dürfen. Ich durfte eine Schatztruhe voller einzigartiger Stücke übernehmen und dazu eine Gruppe wunderbar inspirierender Tänzer*innen, die engagiert und integer bei der Sache sind. Das ist die unentbehrliche Ingredienz und auch ein prima Grund. Es ist ja mein Ziel den Künstlern und der Kunst, denn um diese geht es ja, einen ehrlichen Echo Raum zu bauen, eine produktive Plattform, auf der sie mit ihren Stärken und Schwächen glänzen können und sich mit der Welt zu verbinden. Ich würde das Wort „schwer“ in diesem Zusammenhang nicht bemühen. Ein jedes Experiment ist aber klar auch immer ein Wagnis. Wichtig ist es, erfindungsreich zu sein und flexibel. Immer bewusst zu überlegen, welchen Schritt wir gehen, um in der Compagnie Innovatives gedeihen zu lassen - und auch über das gemeinsame Wirken für einen neuen Zusammenhalt zu sorgen. Viele Tänzer*innen sind neu, andere hatten über ein Jahrzehnt keine echte Premiere mehr.“

DS: Wäre das in Ihren Augen despektierlich, wenn man Sie jetzt als künstlerischen Nachlassverwalterin bezeichnen würde?

Adolphe Binder: „Das klingt etwas trocken und staubig. Das wäre eine Pflegschaft…einerseits… aber auch Verteilung der Erbmasse. Ich verstehe meinen Auftrag weitreichender. Das Erbe ist sehr kostbar. Und: Es geht um ein geistiges Erbe, ein immaterielles Gut. Ich repräsentiere etwas Erneuerndes doch ohne Bruch, das geht über aufteilen, konservieren, wertschöpfen hinaus. Diese meine erste Spielzeit, die hinter uns liegt, hat ja gezeigt, dass wir auf einem spannenden Weg sind. Das hat was mit Mut zu unserer eigenen Courage zu tun, mit Entdeckungslust und Erfindungsgeist - oder mit dem sprichwörtlichen Feuerstein: Wie zündet man den Funken? Das ist ein wegweisender du tiefgreifender Prozess, den das gesamte Tanztheater durchläuft. Neues schaffen, teilhaben lassen, unsicheres Terrain betreten. Eine Neubegegnung und ein Kraftakt, der nach Transparenz und Inspiration verlangt.“

DS: Und hat sich der Mut zur Courage schon ausgezahlt?

Adolphe Binder: „Die Bilanz macht stolz: Alle Vorstellungen waren über 90 Prozent besucht, wir haben uns der nächsten Generation zugewandt, uns der Stadt geöffnet, internationale Metropolen begeistert, sind diverse Kooperationen eingegangen, haben neue Partner und frische Mittel gefunden. Ein erstes neues Stück ist schon raus - auf Weltniveau mit großer, positiver Resonanz. Neue Kunstwerke zu gebären, überhaupt Dinge in Bewegung zu setzen, ist ein wahnsinnig schweißtreibendes Abenteuer. Das war auch unter Pina Bausch nicht anders. Das braucht Geduld, Unterstützung und Verbündete. Es ist tief ehrliche Arbeit. Bislang zum Glück auch erfolgreiche. Nun folgt ab 2. Juni die nächste Uraufführung, damit wir auch alle mitnehmen. Die erste Spielzeit sollte Zeichen setzen.“

DS: Wie gut kannten Sie Pina Bausch eigentlich persönlich?

Adolphe Binder: „Ich kannte sie nicht. Ich bin ihr einige Male flüchtig begegnet. Ich hatte Mitte der 90er Jahre - als ich Dramaturgin in Berlin war - Kontakt mit dem Tanztheater. Wir wollten Pina Bausch überreden, ihr Stück „Das Frühlingsopfer“ dem Ballett der Deutschen Oper zu geben, das passierte aber nicht. Ich habe sie auf Empfängen und Veranstaltungen gesehen. Wie bei der Expo. Nun lerne ich sie über ihre Leute kennen, das Tieftauchen in ihre Probenkathedrale, in ihr Werk, klar, ihre Heimat. Das begeistert, inspiriert und verändert mich.“

 

Das Interview führte Peter Pionke

 

Den 2. Teil des INTERVIEWS mit ADOLPHE BINDER lesen SIE in unserer
Juli-Print-Ausgabe

 

Kurz-Vita

Adolphe Binder ist seit 2017 Intendantin und Künstlerische Leiterin des Tanztheater Wuppertal Pina Bausch. Von 2011 bis 2016 leitete sie als Künstlerische Direktorin die Göteborger Danskompani in Schweden, mit der sie ein neues Profil und eine Vielzahl von Uraufführungen schuf.

Sie war Chefin des Tanztheaters der Komischen Oper und Chefdramaturgin der Deutschen Oper (beides Berlin). Künstlerische und publizistische Aktionsfelder für das Schauspiel Hannover, der Friedrich-Verlag, die Expo2000, bis hin zu den von ihr gegründeten Kreativagenturen artattack und BPB, verdeutlichen ihre Interessensfelder.

Im Verlauf der vergangenen zwanzig Jahre arbeitete Adolphe Binder mit einer grossen Zahl internationaler Künstler*innen und Theatern. Sie veröffentlichte mehrere Texte und ein Buch zu Gender-Theorie.

Adolphe Binder ist Mitglied diverser Beiräte (Folkwang Uni, Palucca Uni), Jurys (Kurt-Joos-Preis etc.) und Netzwerken, war Ko-Geschäftsführerin der „Ständigen Konferenz Tanz“ und Fellow des Goethe Instituts.

Adolphe Binder wurde 1969 in Siebenbürgen, Rumänien, geboren und emigrierte 1978 nach West-Deutschland. Sie studierte Germanistik, Politologie, Philosophie und Geschichte. Sie lebt in Barmen.

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