WSV-Chef Andreas Feicht WSV-Chef Andreas Feicht Foto: WSW

WSW-Chef Andreas Feicht: "Wir entfernen uns in der Energiewirtschaft vom Markt"

„Wir entfernen uns in der Energiewirtschaft vom Markt und entwickeln uns in eine Struktur des Staatsdirigismus“, das sagt Andreas Feicht, Vorstandsvorsitzender der Wuppertaler Stadtwerke, im großen "Hand aufs Herz"-Interview mit der STADTZEITUNG.

Aus unserer September-Print-Ausgabe - Wuppertal, 07.09.2016 - Er ist nicht nur Chef der Stadtwerke und damit des WSW-Gesamtkonzerns. Andreas Feicht ist auch Energie-Experte mit europäischer Reputation. Der WSW-Gesamtkonzern hat rund 3.300 Beschäftigte und einen Umsatz von zuletzt 1,3 Milliarden Euro, das Geschäftsjahr 2015 wurde mit einem Plus von 8,98 Millionen Euro (Vorjahr 4,1 Millionen Euro) abgeschlossen. Damit gehört er in NRW zu den 30 größten Unternehmen. Siegfried Jähne interviewte den eloquenten Wuppertaler Top-Manager:

DS: Herr Feicht, Sie führen die WSW seit 2007 und haben das Unternehmen seither durchaus auf Erfolgskurs gebracht. Verraten Sie uns Ihr Erfolgsrezept?

Andreas Feicht: „Ich habe bei WSW von Anfang an sehr gute Arbeitsbedingungen vorgefunden. Das Wichtigste ist die vertrauensvolle Zusammenarbeit im Team bei Mitarbeitern und Management aber auch das Vertrauen der Gesellschafter, die für verlässliche Rahmenbedingungen sorgen. Dies sind Grundvoraussetzung für eine nachhaltige, positive Entwicklung. Zu erwähnen sind auch die Fähigkeit und der Wille bei allen am Erfolg beteiligten, sich auf immer schneller ändernde Rahmenbedingungen - wie Energiewende, Finanzmarktkrise, Anforderungen einer digitalisierten Welt, usw. – einzustellen, kreativ zu reagieren und sich weiter zu entwickeln.

DS: Worauf sind Sie besonders stolz?

Andreas Feicht: „Dass es uns gelingt, in Zeiten großer energiewirtschaftlicher Umbrüche nach wie vor gute Produkte und Dienstleistungen für unsere Kunden anzubieten, die nach wie vor gern nachgefragt werden. Und, dass wir immer ein solides Jahresergebnis geschafft haben, welches die Gesellschafter befriedigt und uns gleichzeitig die Kraft für Innovation und neue Projekte lässt. Besonders stolz bin ich aber auch darauf, dass es uns Jahr für Jahr gelingt, neue und junge Mitarbeiter für WSW zu gewinnen, die damit ihre Zukunft und ihr Schicksal mit WSW verbinden. Das ist ein großer Vertrauensbeweis aller an uns.“

DS: Sie sind auch strategische Partnerschaften eingegangen, so mit dem französischen Unternehmen GDF Suez. Hier ging es auch um Windkraft und um Kohlekraftwerke. Haben sich diese Partnerschaften bewährt?

Andreas Feicht: „Grundsätzlich sind Kooperationen immer sinnvoll. Auch mit Partnern aus der freien Wirtschaft. Die Partnerschaft mit der Engie, wie die GDF Suez jetzt heißt, hat sich bewährt. Allein der Knowhow-Transfer eines großen internationalen Konzerns, ist für einen kleinen energiewirtschaftlichen Player viel Wert. Die Energiewende erfordert so viele neue Produkte und Geschäftsmodelle, dass diese nicht von einem Stadtwerk allein entwickelt werden können. Wichtig ist auch der stetige konstruktive Verbesserungsprozess, den wir Challenging nennen. Auf diese Weise werden neue Sichtweisen auf verschiedene Fragestellungen erreicht. In der Natur der Sache liegt es natürlich auch, dass nicht alle Projekte zum Erfolg führen. Eine Entscheidung über den Bau eines Kohlekraftwerkes würden wir sicherlich nicht noch einmal treffen.“

DS: Ganze Windparks werden derzeit in Norddeutschland abgeschaltet, weil die Stromnetze überfordert sind. Der Verbraucher zahlt dennoch 480 Mio. jährlich für die Windräder. Ist das deutsche Energiekonzept gescheitert? Betrifft das auch die Windräder der WSW?

Andreas Feicht: „Die Energiewende ist ein fundamentaler Wandlungsprozess. Konventionelle Kraftwerke werden abgeschaltet und sollen durch einen massiven Ausbau erneuerbarer Energien ersetzt werden. Diese entstehen aber für deren Erzeugung an günstigen Standorten: Viel Windenergieanlagen im schwach besiedelten aber windreichen Norden und Nordosten, Fotovoltaik etwas geringer im sonnenreichen Süden. Wie es aber bei Transformationsprozessen üblicherweise passiert, sind nicht alle Anreizsysteme optimal aufeinander abgestimmt. So kann der Netzausbau nicht mit der Zunahme der erneuerbaren Erzeugung Schritt halten. Zumal es auch keinen Konsens zum Bau von Stromautobahnen von Nord nach Süd gibt. Keiner möchte halt unter einer Stromleitung wohnen. Die politische Herausforderung für die nächsten Jahre wird es sein, diesen Konflikt aufzulösen. Da unser Windpark in Süddeutschland steht, bleiben wir von Abschaltungen zumindest vorerst verschont.“

DS: Wie sicher ist unsere Energieversorgung? Wo liegen die größten Herausforderungen für die Energieversorgung bis 2025, und zwar für Deutschland und für Wuppertal?

Andreas Feicht: „Die größte politische Herausforderung für die kommenden Jahre ist es, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass wir als Energiewirtschaft eine nachhaltig sichere und preisgünstige Energieversorgung gewährleisten können. Gegenwärtig befinden wir uns in einem System, das sich nahezu ausschließlich an klimaschutzpolitischen Zielen orientiert. Die beiden anderen Aspekte dürfen aber nicht aus dem Auge gelassen werden. Dann können wir als Versorger – und gerade auch wir als WSW arbeiten schon in Pilotprojekten daran – die Vorteile der Energiewende dezentral konkret zu unseren Kunden zu bringen, z.B. durch Energiedienstleistungs- und Flexibilisierungsangebote sowie Eigenerzeugungsprodukte, wie den WSW Sonnenstrom für Photovoltaikanlagen auf dem Dach oder den WSW Wärme Service im Keller. Dafür werden aber verlässliche Rahmenbedingungen für den Netzbetrieb benötigt.“

DS: Die WSW hat mit der Fernwärme ein offenbar geniales Projekt. Ist das zugleich auch ein Zukunftskonzept, ggf. mit Vorbildcharakter?

Andreas Feicht: „Ja, natürlich. Durch die Abschaltung des steinkohlebefeuerten Heizkraftwerkes Elberfeld und verschiedener Infrastrukturmaßnahmen, wie z.B. den Bau der Südleitung zur Anbindung der AWG an das Fernwärmenetz im Tal, gelingt es uns den Kohlendioxidausstoß von 500.000 t/a auf 50.000 t/a auf ein Zehntel zu reduzieren. Positive Effekte gibt es auch bei der Emission von Stickoxiden und der Vermeidung der Aufheizung der Wupper im Sommer. Dies gelingt, da der Anteil erneuerbarer Energien in der Erzeugung der AWG 40% beträgt. Stadtwerke sind grundsätzlich gut geeignet für solche innovativen Ansätze, da sie typischerweise als Verbundunternehmen eine Vielzahl von Aufgaben für die Städte und ihre Bürger übernehmen. Aus der intelligenten Vernetzung der Geschäftsfelder können zukünftig noch viel mehr dezentrale energiewendetaugliche Geschäftsmodelle entstehen.“

DS: Die WSW können ihr Defizit in der WSW MOBIL-Sparte (Busse und Schwebebahn) nur durch die Überschüsse aus dem Energie - Geschäft kompensieren. Sie sagen, dass mit Energie langfristig kein Geschäft mehr zu machen ist. Wie lange geht das noch gut?

Andreas Feicht: „Das mit Energie langfristig kein Geld zu verdienen ist, ist ein Missverständnis. Schwierig ist die Situation für Kraftwerke, perspektivisch steigen die Herausforderungen für den Energievertrieb. Es wird aber immer eine Nachfrage nach Versorgungssicherheit und Netzbetrieb geben. Ein starker Wachstumsmarkt sind die Energiedienstleistungen, vor allem nach nachhaltigen, dezentralen Energielösungen. Seit Jahren haben wir Contractingmodelle im Angebot, z.B. den WSW Wärme- und Kälteservice, in dem wir auch über 900 Anlagen unterschiedlichster Größenordnungen servicieren. Wir müssen uns allerdings diese neue Dienstleistungswelt weiterentwickeln. Bisher ist es schwierig, mit neuen Ideen Geld zu verdienen. Vor allem digitale Lösungen, wie Produkte für intelligentes Messen, flexible Produkten, wie Lastmanagement oder die E-Mobilität sind da zu nennen. Wir glauben aber, dass wir mittelfristig wirtschaftliche Angebote machen können, wenn der politische Rahmen passt.“

DS: Wuppertal wurde einst Hauptstadt der Elektromobilität genannt. Genügt Wuppertal diesem Anspruch noch? Was tut die WSW, um diese Entwicklung zu forcieren?

Andreas Feicht: „Das Label „Hauptstadt der Elektromobilität“ ist natürlich in erster Linie eine Marketingaussage, um möglichst überregionale Aufmerksamkeit zu erzeugen. Wir als traditionelles kommunales Unternehmen sind da mit unseren Äußerungen vorsichtiger. Unbestritten ist die Elektromobilität ein unverzichtbarer Faktor für das Gelingen einer ganzheitlich gedachten Energiewende, da neben den positiven Effekten für die Energiewirtschaft, wie Verbrauch des EEG-geförderten Überschussstroms, auch verkehrspolitische Effekte, wie Schadstoff- und Schallreduktion in den Städten ermöglicht wird. Fakt ist aber auch, dass es beim Thema Einführung der Elektromobilität viele offene Fragen gibt, die vor allem durch die Politik aber auch durch die Industrie beantwortet werden müssen. Welches ist die zukünftig gewünschte Technologie? Wie sehen Standards aus? Welche politischen Rahmenbedingungen haben wir zu erwarten? Möglicherweise werden ein paar Fragen zu den Rahmenbedingungen durch die Ladesäulenverordnung beantwortet, die aktuell geschrieben wird. Die Frage nach den Industriestandards bleibt. Denn zurzeit ist vor allem die Infrastruktur noch sehr teuer. Erst durch Standards und damit durch Massenproduktion können Kosten gesenkt werden, die eine breite Markteinführung über Pilotanlagen hinaus ermöglichen. Der Streetscooter der Post könnte solch ein Beispiel sein. Wir sind auch in Gesprächen mit Busherstellern und wollen uns in diesem Bereich weiterentwickeln. Bis es soweit ist, bleibt die Elektromobilität allerdings ein Thema für Enthusiasten.“

DS: Worüber würden Sie gerne mit der Bundeskanzlerin einmal sprechen und was würden Sie Ihr vorschlagen?

Andreas Feicht: „Als politisch interessierter Staatsbürger, würde ich mich mit der Bundeskanzlerin gern über eine Vielzahl von Themen unterhalten, denn wir leben in bewegten Zeiten und ich habe vor allem Respekt vor ihrer unglaublichen Arbeitsleistung. Energiepolitisch allerdings würde ich mit ihr und vor allem auch mit dem zuständigen Bundeswirtschaftsminister Gabriel über meine Sorge sprechen, dass sich die Bundesrepublik energiewirtschaftlich aus einem marktwirtschaftlichen Umfeld immer weiter entfernt und sich gleichzeitig in eine Struktur des Staatsdirigismus entwickelt, in denen nicht mehr unternehmerische Entscheidungen getroffen werden, sondern Verwaltungen planen.“

DS: Sie führen mit den WSW eines der größten Unternehmen in NRW, daneben sind sie Vizepräsident der CEDEC sowie des VKU, außerdem im Beirat der NRW-Bank. Bleibt Ihnen da noch Zeit für Familie, Freunde oder Hobbies?

Andreas Feich: „Ja, auf jeden Fall. Ich bin ein Familienmensch, der gerne im Sommer wie jetzt, die freie Zeit mit Frau und Kind barfuß im Garten verbringt. Leider liegt im Winter in Wuppertal nicht genug Schnee, um Langlaufski zu fahren.“

DS: Gibt es einen Lieblingsverein für Sie?

Andreas Feicht: „Ich bin seit Kindesbeinen an ein großer Fan des FC Bayern München.“

DS: Welcher Kulturbereich spricht Sie besonders an?

Andreas Feicht: „Ich höre am liebsten Musik. Da aber sehr breit von Blues und Jazz bis hin zur Klassik. Jüngst habe ich das Ballett für mich entdeckt.“

DS: Was bedeutet für Sie zu Hause und wo sind Sie zu Hause ?

Andreas Feicht: „Zu Hause ist, wo man bei sich, für sich und mit der Familie sein kann. In den letzten Jahren muss ich sagen, dass Wuppertal mein zu Hause geworden ist. Nicht meine Heimat – aber mein zu Hause.“

DS: Wo machen Sie Urlaub?

Andreas Feicht: „Im Winter regelmäßig eine Woche in Lappland. Im Sommer immer wo anders. Hauptsache Natur und wenig Menschen.“

DS: Sie gewinnen 20 Mio. EUR im Lotto. Was machen Sie mit dem Geld?

Andreas Feicht: „Ich würde mir ein mittelständisches Unternehmen kaufen und als Eigentümer führen.“

DS: Über was können Sie sich richtig ärgern?

Andreas Feicht: „Über Dogmatismus und Eiferertum – Leute, die genau wissen, was die Zukunft bringt und anderen sagen, was sie zu tun und zu lassen haben. Und über Menschen, die Einfluss haben, aber keine Verantwortung übernehmen.“

DS: Worüber können Sie herzhaft lachen?

Andreas Feicht: „Ich habe das große Glück, mich in einer humorvollen Arbeitsumgebung zu befinden. Meine Kollegen und ich, wir lachen jeden Tag! Besonders gern über uns.“

DS: Vielen Dank für das Gespräch!

Interview Siegfried Jähne/Fotos WSW

 

Vita Andreas Feicht

Der 45jährige Familienvater Andreas Feicht ist Vorsitzender der Geschäftsführung WSW Wuppertaler Stadtwerke GmbH und WSW mobil GmbH sowie Vorstandsvorsitzender der WSW Energie & Wasser AG. Er begann seine berufliche Laufbahn bei der Dresdner Verkehrsbetriebe AG. Dort war er zuletzt als Leiter des Vorstandsbüros für die Unternehmensentwicklung zuständig.
Er wechselte in die Holding Technische Werke Dresden und intensivierte seinen Blick auf die Energiewirtschaft. Seit 2007 ist er in Wuppertal Stadtwerke-Chef, die Sparte Energie gehört hier zu seinen Kernaufgaben. Der WSW-Vorstandsvorsitzende Andreas Feicht wurde 2015 in Lausanne im Rahmen der Hauptversammlung der „European Federation of Local Energy Companies“ (CEDEC) zum neuen Vizepräsidenten des Verbandes gewählt worden.
Die CEDEC hat ihren Sitz in Brüssel und vertritt die Interessen von 1.500 lokalen Energieunternehmen auf europäischer Ebene. Insgesamt versorgen die Unternehmen 60 Millionen Elektrizitäts- und Gaskunden in der Europäischen Union. Der Tätigkeitsbereich erstreckt sich dabei von der dezentralen Energieerzeugung durch Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen und erneuerbaren Energien, bis hin zum Netz- und Zählerbetrieb. Feicht ist in gleicher Funktion auch beim Verband kommunaler Unternehmen (VKU) tätig.

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