Wolfgang Niedecken während der Aufnahmen zu seinem erfolgreichen Solo-Album in New Orleans (USA) Wolfgang Niedecken während der Aufnahmen zu seinem erfolgreichen Solo-Album in New Orleans (USA) Foto: privat

Niedecken: Vom CD-Verkauf kann man nicht mehr leben

BAP-Chef Wolfgang Niedecken ist dafür bekannt, dass er die Dinge beim Namen nennt, immer authentisch ist. Wie auch im 2. Teil des großen Interviews mit der STADTZEITUNG

Aus unserer Februar-Print-Ausgabe - Wuppertal, 16.02.2018 - „Verdamp lang her“! Es steht seit über 40 Jahren im Rampenlicht. Andere hätten da längst abgehoben, den Blick für die Realität verloren. Doch Wolfgang Niedecken (66), Kopf und Stimme der erfolgreichen Kölsch-Rock-Band BAP, blieb mit beiden Füßen auf dem Boden. Rückhalt gabe ihm seine Familie. Der half dem Musiker und Maler auch dabei, einen schweren gesundheitlichen Niederschlag zu verarbeiten, einen Schlaganfall. Niedecken rappelte sich mit Hilfe seiner Ehefrau Tina wieder hoch und steht wieder auf der Bühne. Noch bewußter als früher. Er selbst sieht seine Rückkehr ans Mikrofon als „Zugabe“. So heißt auch sein Buch, in dem er sich mit seiner Krankheit auseiander setzt. Der Bandleader, Sänger und Songwriter hat musikalisch noch viel zu sagen. Im Herbst 2018 kommt er mit seiner Band wieder einmal nach Wuppertal. Peter Pionke unterhielt sich mit dem sozial und politisch engagierten Rock-Poeten aus der Domstadt.

DS: Von den BAP-Gründungsmitgliedern sind Sie nur noch Du dabei. Gehen solche Trennungen emotionsloser ab, als die von einem Lebenspartner?

Wolfgang Niedecken: „Das ist immer schwer. Aber die Gründe waren völlig unterschiedlich. Da gab es ganz einfache Trennungen, Bandmitglieder, die gesagt haben, ich muss mich mehr um meinen Beruf und meine Familie kümmern. Dann gab es Leute, die einen anderen Weg einschlagen wollten. Oder auch Gruppen-Entscheidungen, weil ein Bandmitglied einfach nicht mehr gut genug war. Leicht ist das nie. Beispiel Effendi Büchel, der bei uns ewig Keyboard gespielt hat. Als Major Heuser ausgestiegen war, kam er zu mir und sagte: ’Ich habe in den Spiegel geguckt und festgestellt, der Rock’n’Roll ist einfach nicht mehr da.’ Wörtliches Zitat: ‚Wenn der Zug jetzt noch einmal anhält, dann steige ich auch aus‘. So war es dann auch. Das war auf der einen Seite toll, dass er so offen damit umgegangen ist. Auf der anderen Seite denke ich immer wieder: Wäre doch schön, wenn er noch dabei wäre.“

DS: Welcher Ausstieg ist Ihnen denn noch besonders nahe gegangen?

Wolfgang Niedecken: „Der von meinem Freund Schmal Boecker. Er war ja eigentlich weniger ein Musiker, als viel mehr mein Kumpel, mit dem ich zusammen Malerei studiert habe und der den gleichen Humor-Level hatte. Er wollte irgendwann diese Kasperrolle nicht mehr spielen und ist ausgestiegen. Viele verwechseln übrigens die Urbesetzung, mit der Besetzung, die wir zu Zeiten des Albums „Vun drinne noh drusse“ hatten. Ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass ich das jemals vernünftig erklären kann. Der Letzte aus der Besetzung danach war Schlagzeuger Jürgen Zöller, er ist mittlerweile 70 und Rock-Rentner. Er hat sogar seinen eigenen Nachfolger noch bestimmt. Das gibt es auch.“

DS: In Wuppertal gibt es den Künstler Christian von Grumbkow, der ist auch Maler und Musiker. Er hat die Band Hoelderlin mitbegründet, malt aber heute nur noch. Wäre das bei Ihnen denkbar?

Wolfgang Niedecken: „Hoelderlin kenne ich natürlich. Aber wie Christian nur noch zu malen, kann ich mir für mich noch nicht vorstellen. Weiß der Teufel, was passiert. Kann natürlich sein, dass ich irgendwann keine Lust mehr auf die Bühne habe. Noch ist das nicht der Fall. Ich werde aber niemals eine Abschiedstour ankündigen. Das finde ich zweifelhaft. Das ist ein ganz primitives Marketing-Tool. Leute, die Abschiedstouren ankündigen, verlieren in meiner Achtung, vor allem,n wenn es dann später heißt: Die Fans haben mich überredet weiterzumachen. Sowas gehört sich nicht. “

DS: Ihre Musik ist nicht mehr so mainstreammässig wie zu Zeiten „Fortsetzung folgt“ oder „Alles em Lot“. Warum ist das so?

Wolfgang Niedecken: „Das war ja die Musik-Richtung, in die Major Heuser wollte. Da hat er sich ja auch an mir die Zähne ausgebissen. Er hätte am Liebsten gehabt, wenn ich auch noch Englisch gesungen hätte, um damit international mehr Chancen zu haben. Dann wären wir in so eine kommerzielle Bon Jovi- oder Phil Collins-Ecke abgedriftet, aber das wäre überhaupt nicht mein Ding gewesen. Dann hätte ich lieber wieder mit dem Malen angefangen. Da hat der Major schließlich gesagt: ‚Okay, das ist mit Dir nicht zu machen, dann spiele ich die Tour noch zu ende und steige dann aus‘. Es war noch eine sehr schöne Tour und der Major ist danach gegangen. Das ist mittlerweile 19 Jahre her.“

DS: Welche Rolle spielt der kölsche Dialekt bei Ihrem Erfolg?

Wolfgang Niedecken: „Es hat schon eine Zeit gedauert, bis die Leute gemerkt haben, dass BAP nichts mit Karneval zu tun hat, sondern Kölsch zufällig die Muttersprache des Sängers war. Das haben die Leute irgendwann akzeptiert. Wir haben von Anfang an großen Wert auf ordentliche Booklets gelegt, damit die Leute die Texte - wenn sie wollen -nachlesen konnten. Aber das ist auch immer ein Balance-Akt, man darf den Leuten nämlich nicht zu sehr mit seiner Message auf den Wecker gehen.“

DS: Das ist Ihnen ja wohl gelungen…

Wolfgang Niedecken: „Es ist jedenfalls ein Riesenkompliment für uns. Wir verkaufen unsere Alben im kompletten deutschsprachigen Raum und überall setzen sich die Fans mit unseren kölschen Texten auseinander. In dem Stück ‚Absurdistan’ habe ich ausnahmsweise die komplette erste Strophe auf Hochdeutsch gesungen, weil der kölsche Text, den ich geschrieben hatte, dem Ernst des Themas einfach nicht gerecht wurde. Wenn es um ernste Dinge geht, rede ich meistens hochdeutsch.“

DS: Hätten Sie auch mit hochdeutschen oder englischen Texten Erfolg gehabt?

Wolfgang Niedecken: „Englisch wäre für uns keine Alternative gewesen. Das machen ja die meisten deutschen Bands. Den Durchbruch schaffen aber nur ganz wenige. Da fallen mir eigentlich nur Songs wie ‚Lemon Tree‘ oder ‚99 Luftballons‘ auf Englisch ein - oder die Scorpions mit ihrem putzigen Hannoveraner Schul-Englisch. Für mich ist Authentizität ganz wichtig. Ich spreche ganz gut und akzentfrei Englisch. Aber warum soll ich anfangen, auf Englisch meine Gefühle auszudrücken. Das wäre doch unauthentisch.“

DS: Viele Bands haben ja das Problem, dass Sie die jungen Leute nicht mehr erreichen. Auch Ihr Problem?

Wolfgang Niedecken: „Ich sehe das nicht so dramatisch. Es gibt auch genug deutsche Künstler, die auf Deutsch singen und auch ihr junges Publikum mitnehmen wie Thees Uhlmann, Clueso oder Max Prosa. Mich interessieren junge Künstler, die beweisen, dass es in der Musikentwicklung weitergeht. Die Medienlandschaft hat sich mittlerweile komplett verändert. Bei allen Sendern gibt es Format-Bestimmungen, ab wann der Refrain zu kommen hat und dass die Gitarren nicht zu laut sein dürfen. Wenn Du mit Deinen Songs in die Playlist reinkommen willst, dann musst Du Dich an die Format-Gesetze halten. Mir sind die ziemlich egal. Aber wenn einer unserer Songs im Radio gespielt wird, dann freue ich mich natürlich. Doch ich gehe jetzt nicht mit einem Rechenschieber an unsere Songs.“

DS: Früher waren Album-Veröffentlichung ein echtes Event. Heute kann man sich die Songs schon wochenlang vorher in den Online-Shops anhören, geht dadurch nicht Reiz und Kultur verloren?

Wolfgang Niedecken: „Wir haben jetzt andere Zeiten. Es gibt Vorteile und Nachteile. Die Boxer sagen ja immer ‚Roll With The Punches“ (Nimm die Dinge wie sie kommen). Es macht keinen Sinn, gegen Windmühlen zu kämpfen. Wir setzen auch da auf Flexibilität. Was wir so treiben, ist sehr individuell. Dafür gibt es keine Formel, aus der Nachwuchskünstler ein Erfolgsrezept ableiten könnten. Wir haben eine ganz individuelle Art, wie wir mit BAP und den Musikern der Band umgehen. Das ist viel Arbeit. Aber wie hat Karl Valentin schon gesagt: „Kunst ist schön, macht aber sehr viel Arbeit‘.“

DS: In welche Richtung entwickelt sich das Musikbusiness in den nächsten 10 Jahren?

Wolfgang Niedecken: „Irgendwann gehen die Plattenfirmen alle in die Knie. Wir kommen auch heute noch gut klar, weil wir eine gute Live-Band sind und die Leute wissen, dass es sich lohnt in ein BAP-Konzert zu gehen. Sie bekommen Qualität vorgesetzt und werden nicht abgezockt. Allein vom CD-Verkauf könnten wir die Band nicht mehr betreiben. Das war einmal. Wenn wir in den 90er Jahren ein Album herausgebracht haben und das ging auf Platz 1, wurde es zwischen 500.000 und 1 Millionen Mal verkauft. Damals mussten wir eigentlich gar nicht auf Tour gehen, sondern hätten allein vom Plattenverkauf leben können.“

DS: Und wie hoch sind heutzutage die Verkaufszahlen?

Wolfgang Niedecken: „Du kannst heute froh sein, wenn Du auf "1" einsteigst, dass du zwischen 50.000 und 100.000 Alben verkaufst. Deshalb bin unheimlich happy, dass unsere Tourneen so gut funktionieren. Das bedeutet natürlich auch Verantwortung. Du darfst einfach keinen Müll abliefern. Auf jede Tour muß man sich akribisch vorbereiten, muß den Leuten immer wieder etwas Besonderes bieten. Diesmal haben wir deshalb zum ersten Mal Bläser dabei. Darauf freue ich mich sehr.“

DS: Kurt Cobain, Chris Cornell, Chester Bennington etc. - Warum scheiden gerade so viele Frontmen, die erfolgreich sind, freiwillig aus dem Leben?

Wolfgang Niedecken: „Die Umstände waren ja in all diesen Fällen unterschiedlich. Aber alle haben eines gemeinsam. Sie waren noch sehr jung, als sie vom Erfolg überflutet wurden. Mit mehr Lebenserfahrung wären sie wahrscheinlich gelassener mit dem Ruhm und dessen Auswirkungen umgegangen. Allen war wohl eines gemeinsam, nämlich dass sie mit dem Bild, dass das Publikum, das ihnen zu Füßen lag, von ihnen hatte, nichts anfangen konnten und sich gesagt haben: ‚Das bin ich doch gar nicht‘. Ich habe 1982 den Song „Nemm mich mit“ geschrieben, der sich genau mit dieser Thematik beschäftigt. Das Gefühl kenne ich auch.“

DS: Sie waren immer der etwas andere Rock-Star: Mit beiden Beinen auf dem Boden, sozial engagiert, politisch klar Stellung beziehend. Wie schwer ist es heutzutage authentisch zu sein?

Wolfgang Niedecken: „Das ist gar nicht so schwer. Ich kann nicht anders, als authentisch zu sein. Bei den Sachen, mit denen ich mich befasse, bin ich quasi an einen Lügendetektor angeschlossen. Da kommen auch wieder meine Nackenhaare ins Spiel. Solange die sich nicht aufrichten, ist alles in Ordnung. Ich muss auch nicht Everybodys Darling sein. Da gilt der alte Satz meiner Mutter: ‚Wer es allen recht machen will, wird beliebig‘. Und ich will nicht beliebig sein!“

DS: Vielen Dank für das spannende, offene Gespräch

 

Vita

Wolfgang Niedecken wurde am 30. März 1951 als Sohn des Ehepaares Josef und Hubertine Niedecken in Köln geboren. Seine Eltern betrieben im Severinsviertel ein Lebensmittelgeschäft. 1962 bis 1970 verbrachte Niedecken im Pallotiner-Internat Konvikt St. Albert in Rheinbach und besuchte dort das Städttische Gymnasium. Im Internat ging er auch seine ersten musikalischen Schritte als Mitglied der Schülerband „The Convicts“.

Noch vor dem Abitur flog Wolfgang Niedecken von der Schule. Er bestand aber die Aufnahmeprüfung an der Kunsthochschule „Kölner Werkschule“ und studierte dort Kunstgeschichte und freie Malerei. 1974 machte er sein Examen. Anschließend leistete Wolfgang Niedecken seinen Ersatzdienst ab. Er fuhr morgens Essen auf Rädern aus, nachmittags arbeitete er in einer Altentagesstätte.

In der Phase lernte er eine Reihe von Musikern kennen. 1976 verabredeten sich Niedecken und andere Musiker zu einer Session im Wiegehäuschen des Herseler Kalksandsteinwerks. Van dan an traf man sich regelmässig zum Jammen. Mehr oder weniger die Wiege von BAP.

1977 schrieb Wolfgang Niedecken seinen ersten kölschen Song: „Helfe kann Dir keiner“. Es folgte im Nippeser Mariensaal der erste Auftritt als Trio unter dem Bandnamen „BAP“ - eine Abwandlung von Niedeckens Spitznamen „dä Bapp“. 1979 kam das erste BAP-Album heraus, das in 6 Tagen eingespielt worden war: „Wolfgang Niedecken’s BAP rockt andere Kölsche Leeder“. Ein Achtungs-Erfolg, der eine Zäsur nach sich zieht. Die Hälfte der Band scheidet aus: Aus Zeit- oder Qualitäts-Gründen.

Beim 2. Album „Affjetaut“ (mit dem Hit „Wahnsinn“) ist schon Gitarisst Klaus Major Heuser dabei. BAP auf der Überholspur. Erfolgreiche Alben, erfolgreiche Live-Toneen. 1998 erhält Wolfgang Niedecken für sein soziales Engagment von Bundespräsident Roman Herzog das Bundesverdienstkreuz am Bande. Die CD „Comics & Pin Ups“ kam 1998 heraus.

Am Ende der Tour zum Album stieg Major Heuser aus der Band aus. Der Erfolg blieb. Der berühmte Regisseur Wim Wenders widmete BAP den Film „Viel passiert“ (Kino-Premiere 2002). Am 02. November 2011 erlitt Wolfgang Nedecken einen Schlaganfall. Diesen verarbeitete er in seinem Buch „Zugabe - Die Geschichte einer Rückkehr“.

2017 erschien Niedeckens 5. Solo-Album „Reinrassije Strooßekööter - das Familien-Album, das er in New Orleans mit Julian Dawson und anderen amerikanischen Spitzenmusikern einspielte. Wolfgang Niedecken hat mit seiner ersten Ehefrau Carmen, mit er der von 1983 - 1992 verheiratet war, zwei Söhne (Severin - Robin) und mit Tina (verheiratet seit 1994) die Töchter Joana-Josephine und Isis Maria.

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