Schülerreporterin Charlotte Schwenteck bei der Essensausgabe Schülerreporterin Charlotte Schwenteck bei der Essensausgabe Fotos: Monika Asmus

Schülerreporterin besucht die ‚Wuppertaler Tafel‘

Sie hätte nie gedacht, dass es bei uns so viele arme Menschen gibt. Unsere Schülerreporterin Charlotte Schwenteck hat die ‚Wuppertaler Tafel‘ einen Tag lang bei der Essensausgabe begleitet.

Natürlich kenne ich aus dem Fernsehen die herzzerreißenden Bilder von hungernden Menschen und von Kindern, die weinen, weil sie aufgrund ihrer Armut nichts zu essen haben. Und ich kenne ich auch die Vorurteile gegenüber Bedürftigen und Obdachlosen. Dass es aber tatsächlich so viele Menschen hier in Wuppertal gibt, die quasi vor unserer Haustür leben und noch nicht einmal genug Geld für eine warme Mahlzeit am Tag haben, macht mich sehr betroffen. Zugegeben, bei uns muss niemand verhungern - und das ist ein Verdienst der ‚Wuppertaler Tafel‘, bei der ich als Schülerreporterin diesmal hinter die Kulissen schauen darf.

Ich habe irgendwie ein mulmiges Gefühl, als ich den Gebäude-Komplex am Kleinen Werth 50 betrete. Vielleicht, weil ich als Kind aus geordneten Verhältnissen eine ganz andere Welt betrete, vielleicht aber auch, weil ich bislang verdrängt habe, dass es auch bei uns Armut gibt? Mir kommen Frauen und Männer entgegen denen man ansieht, dass es ihnen nicht so gut geht wie mir und meiner Familie. Trotzdem machen sie einen zufriedenen Eindruck und sind freundlich. Mir wird klar, dass ich ein völlig falsches Bild von Bedürftigen und ihrer Situation hatte.

Als ich Wolfgang Nielsen treffe, den 1. Vorsitzenden, der ‚Wuppertaler Tafel‘, ist das Eis endgültig gebrochen. Er ist ein mächtiger Mann mit noch größerem Herzen. Er erzählt mir, dass er BWL studiert und anschließend eine Firma geleitet hat. Zweimal wurde er schwer krank, zweimal sprang er dem Tod nach eigenen Worte von der Schippe. Und das war für Wolfgang Nielsen ein Wink des Schicksals: „Ich hatte Riesenglück und spürte, dass ich notleidenden Menschen irgendwie helfen musste. 1980 habe ich mit Freunden den ‚Allgemeinen Hilfskreis‘ gegründet, dort wo das heutige ‚Café OK’ steht", erzählte er mir.

1991 hat Wolfgang Nielsen dann im TV einen Bericht über die Organisation „City Harvest“ in New York gesehen, die Essen an Bedürftige verteilte. Das war für ihn der Anstoß, die ‚Wuppertaler Tafel‘ zu gründen. Doch nicht nur bei der Entstehung der „Wuppertaler Tafel“ wirkte er mit, auch bei der Gründung vieler anderer Tafeln in Nordrhein-Westfalen half er mit Rat und Tat. Besonders beeindruckt hat mich aber, dass er trotz seines außergewöhnlichem Engagements ein so liebenswürdiger und bescheidener Mensch geblieben ist.

1996 wurde Wolfgang Nielsen Frührentner - und seither ist er sieben Tage in der Woche für die gute Sache im Einsatz. Rund 1.500 Essen verteilt die Einrichtung, die sich allein aus Spendengeldern finanziert, pro Tag an rund 900 notleidende Wuppertaler und Obdachlose aus der Umgebung, bei denen es sich herumgesprochen hat, dass in Wuppertal jeder etwas zu essen bekommt - auch ohne den Nachweis, dass er wirklich bedürftig ist. Hauptlieferant von kostenlosen Lebensmitteln ist übrigens Lidl.

Ich gehe in die Bücherei, in der Bedürftige Bücher zu kleinen Preisen erhalten. Und ich werfe einen Blick in die Küche, die momentan eine große Baustelle ist, weil EU-Auflagen erfüllt werden müssen. Noch fehlen rund 220.000 € für den Umbau. Paul, Anfang 20, führt mich durch die Organisation: „Mir macht der Job einfach Spaß, es ist ein schönes Gefühl, wenn man anderen Menschen helfen kann“, sagt er mit strahlenden Augen. Freiwillige Helfer sind hier stets willkommen.

Es ist 18 Uhr: Ich steige ins ‚Sozio-Mobil‘, einen Lieferwagen, der von oben bis unten mit Essen befüllt ist: Behälter mit Suppe, belegte Brötchen, mehrere Kisten mit Brot und Gebäck, sowie Paletten mit Starbucks-Kaffee. Wir fahren jetzt zu den Menschen vor Ort, die, aus welchen Gründen auch immer, den Weg in das Gebäude der Wuppertaler Tafel scheuen. Aus Scham oder weil sie einfach keine Fahrgelegenheit haben.

Wir steuern verschiedene Parks und Plätze an. Überall warten schon hungrige Menschen auf uns, darunter viele Kinder. Ich bin geschockt, wie viele es sind. Sie stehen in einer Schlange, warten geduldig, bis sie an der Reihe sind. Ich helfe bei der Essensausgabe. Es macht mir Spaß, zumal ich nur in freundliche und dankbare Gesichter schaue. Niemand lässt seinen Frust heraus. Am Wichlinghausener Markt komme ich mit einem Obdachlosen ins Gespräch. Ich höre heraus, dass er Langzeit-Tafel-Gast ist: „Früher war das Essen nicht so gut, aber seit der neue Koch da ist, schmeckt es richtig gut“, schwärmt der Mann mit der Zottel-Mähne und lächelt mich an.

Ich habe kein mulmiges Gefühl und keine Angst mehr, auf unfreundliche, frustrierte Menschen zu treffen, die mit ihrem Schicksal hadern. Ich bin einfach nur noch stolz und glücklich, dass ich heute ein wenig helfen konnte. Und jetzt verstehe ich auch den Satz von Wolfgang Nielsen: „Ich bin vom ersten Tag an im ‚Tafelfieber‘.“

Charlotte Schwenteck

Hofaue 75 | 42103 Wuppertal
| 0202 75 89 03-30
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