Wuppertaler Humanisten: (v.l.) Dr. Klaus Breinlinger, Susanne Bischof, Nora Krohm und Hans-Peter Schulz Wuppertaler Humanisten: (v.l.) Dr. Klaus Breinlinger, Susanne Bischof, Nora Krohm und Hans-Peter Schulz Foto: Paul Coon

Im Leben der Humanisten ist für Gott kein Platz

Wuppertals Freidenker stellen sich auch als Sterbebegleiter zur Verfügung.

Sie glauben an keinen Gott, an keine Wiederauferstehung oder Wiedergeburt. Sie sind fest davon überzeugt, dass mit dem Tod alles vorbei ist. In Wuppertal, der Stadt, die bekannt für ihre Regionsvielfalt ist, leben rund 100 im HVD organisierte Humanisten, Freidenker und Mitglieder der Gruppe "RiBel" (Religionsfrei im Bergischen Land). Ihr "Glaubensbekenntnis" basiert allein auf den Ergebnissen von Wissenschaft und Forschung. Übernatürliche Mächte wie Götter und Religionen haben in der Weltanschauung der Freigeister keinen Platz.

Die Humanisten, die auch Sterbebegleitung auf ihre Fahnen geschrieben haben, sprechen sich auch für aktive Sterbehilfe aus. "Letztlich kann nur der jeweilige Mensch selbst bestimmen, ob sein Zustand für ihn lebenswert bzw. erträglich ist - ob er "bleiben" oder schon "gehen" möchte", ist zu diesem Thema in der HVD-Info-Broschüre "Am Ende des Weges" zu lesen.

Wo sehen Humanisten den Sinn des Lebens? Nora Krohm, Sprecherin des HVD Wuppertal: "Wir halten uns an den Kernsatz ‚Meine Freiheit endet dort, wo die Freiheit des anderen beginnt'. Das bedeutet: Frei zu leben ohne die Freiheitsrechte anderer einzuschränken. Bei uns stehen die Menschenrechte an erster Stelle. Wir setzen uns für Bildung, Chancengleichheit und Emanzipation jedes einzelnen ein." Da viele Feste in Deutschland einen christlichen Ursprung haben, entwickelte sich bei den Humanisten eine ganz eigene Feierkultur. Eine wichtige Rolle spielt die Jugendfeier, bei der Teenager symbolisch ihre Kindheit zurücklassen. Eine humanistische Alternative zur katholischen Firmung und protestantischen Konfirmation. Ein Drittel der Deutschen ist konfessionslos, gehört also keiner Kirche an - so auch in Wuppertal. Hier sehen die Humanisten Potential, um Nachwuchs zu akquirieren.

Nora Krohm: "Wir leben viel selbstbestimmter als die Mitglieder von Religionsgemeinschaften und versuchen, Menschen davon zu überzeugen, nach humanitären Werten zu leben." Elementarer Kernpunkt der meisten Religionen, auch des Christentums, ist der Glaube, dass der unausweichliche Tod nicht der Endpunkt ist, sondern in die Wiederauferstehung und in ein ewiges Leben mündet, so schwer dieses "ewige Leben" für die meisten Mensch auch greifbar ist. Aber gerade diese "Aussicht" macht vielen das Sterben leichter. Doch wie sieht Sterbebegleitung bei den Humanisten und Freidenkern aus - ohne die Zukunfts-Perspektive eines Lebens nach dem Tode?

HVD-Vorstandmitglied Hans-Peter Schulz: "Aus wissenschaftlicher Sicht geht nichts an Materie in unserem Universum verloren. Also ist der Mensch auch folgerichtig nie ganz verschwunden. Wir versuchen, den Sterbenden den Abschied leichter zu machen, indem wir ihm klar machen, dass solange wir ihn nicht vergessen, er nie wirklich geht. Der Todkranke lässt mit einem Sterbebegleiter die schönsten Augenblicke seines Lebens Revue passieren, das macht es ihm leichter, loszulassen." Das RiBeL-Forum ist im Übrigen an der Selbst-Erforschung der historischen Freigeister im Bergischen Land interessiert. Die ersten Anfänge der Freigeistigen gehen gar bis in das Jahr 1845 zurück. Weihnachten ist das Fest der Christen schlechthin, wie gehen Freidenker damit um?

Freidenker Dr. Klaus Breinlinger: "Wir feiern auch Weihnachten, sogar mit Tannenbaum aus Tradition, aber ich verbinde das Fest nicht mit Christi Geburt." Nora Krohm: "Meine Eltern haben Weihnachten eigentlich immer nur wegen uns Kindern gefeiert, damit wir in der Schule nicht als Außenseiter dastanden, weil wir keine Geschenke bekommen haben. Wir hatten auch Engelchen am Weihnachtsbaum, weil die einfach dazugehören. Aber etwas verbunden habe ich damit nie." Wuppertals Humanisten fordern Toleranz und Gerechtigkeit ein. Susanne Bischoff, HVD-Vorstandmitglied: "Gleichberechtigung ist in Deutschland noch sehr schwierig, weil bei uns die Verflechtung von Staat und Kirche sehr eng ist. Atheisten und andere Konfessionsfreie haben in Kindergärten, Schulen, sozialen Einrichtungen und in vielen Krankenhäuser bei weitem noch nicht gleichen Rechte."

Humanisten leben im Jetzt. Dr. Klaus Breinlinger: "Das große Problem bei einigen Religionen ist doch, dass bei deren Gläubigen das Jenseits ein eindeutiges Übergewicht hat und das reale Leben eine völlig untergeordnete Rolle spielt. Das war bei den Christen ja auch eine Zeit lang so. Zum Beispiel im 19. Jahrhundert. Da gab es viele arme Menschen, deren einziger Trost es war: ‚Drüben im Jenseits wird alles besser'. Aber das ist aus unserer Sicht ein falscher Ansatz." Ein Leben ohne Gott, ohne Religion - für Humanisten die normalste Sache der Welt.

Text: Peter Pionke

Hofaue 75 | 42103 Wuppertal
| 0202 75 89 03-30
| Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!