Wuppertaler Autor Arne Ulbricht polarisiert mit neuem Roman Foto: Daniel Schmitt

Wuppertaler Autor Arne Ulbricht polarisiert mit neuem Roman

Wie schon seine Kolumnen zum deutschen Schulsystem und sein Verzicht auf das Beamtentum bietet auch „Nicht von dieser Welt“ Diskussionsstoff. Wir haben uns mit dem Querdenker unterhalten.

Heinz Gödel leidet unter der geringen Wertschätzung seiner Familie. Halt findet er in einem sicheren Bürojob, seinem Hund „Franz“, seiner Freundin Jenny, der kranken Tante, die er regelmäßig besucht, und in der Welt der Literatur. Dann erhält Heinz das Angebot, in seinem gelernten Beruf als Lehrer zu arbeiten und sein Leben gerät außer Kontrolle. Eine Beziehung zu einer ihm fremden und Internet-fixierten Schülergeneration aufzubauen, ist für einen Gegner des digitalen Fortschritts keine leichte Aufgabe. Indem er sich den Unterrichtserwartungen seiner Kollegen beugt, macht er sich die Klasse 9a bis auf ein paar Ausnahmen zum Feind. Gegen den Psychokrieg, den drei seiner Schüler anzetteln, wehrt er sich zunächst. Doch nach und nach verliert Heinz die Konstanten in seinem Leben und immer mehr Schüler stellen sich gegen ihn. Schließlich lässt er sich auf den Krieg ein und plant einen mörderischen Rachefeldzug.

Eine andere Version der Geschichte kennt man: Schüler drehen durch und gewaltverherrlichende Computerspiele sind dafür verantwortlich. In Ulbrichts Roman dreht ein Lehrer durch. Grund hierfür scheint vor allem zu sein, dass er „sich den Errungenschaften des 21. Jahrhunderts komplett und bei vollem Bewusstsein versagt“. Die Idee, Aspekte der Digitalisierung von der anderen Seite des Pultes zu beleuchten und zu zeigen, dass kein Internet auch keine Lösung ist, ist ein origineller Ansatz für einen Roman.

Heinz Gödels Interessen beschränken sich auf das Schach-Spielen, Lesen, seinen Hund „Franz“, seine Tante und auf seine minderjährige Freundin Jenny. Zu ihr pflegt er zudem eine bizarre Beziehung, da Heinz zu allem Überfluss asexuell ist. Heinz Gödel ist eben nicht von dieser Welt. Logischerweise fällt eine Identifikation mit dem Protagonisten deshalb schwer. Allerdings ist auch das Verhalten seiner Mitmenschen ihm gegenüber wenig nachvollziehbar. Die meisten verspotten ihn. Dass diese Abneigung an seinem veralteten Namen, seinem handylosen Dasein und seinem leichten Übergewicht liegen soll, leuchtet aber nicht ein.

„Nicht von dieser Welt“ ist analytisch wertvoll. Literatur spielt eine Schlüsselrolle. Orientiert hat Ulbricht den Stil an Easton Ellis „Amercian Psycho“. So ist der Roman im Präsens geschrieben, was die Einbindung in das Geschehen fördert. Die stilistischen Parallelen der Romane stehen in Kontrast zu ihren Hauptfiguren. Patrick Bateman aus „American Psycho“ ist ein „gut verdienender Schnösel, der an der Wall Street arbeitet.“ Mit Sex und Drogen versucht er, die Leere in seinem Leben zu füllen. Heinz Gödel hat keinen Sex und ist das Gegenteil eines Schnösels. Und doch wird er Bateman nach und nach ähnlicher, indem er sich immer wieder Gewaltszenen ausmalt, eine Tablettenabhängigkeit entwickelt und wie Bateman Wahnvorstellungen bekommt. Vor konträren Hintergründen entwickeln sich in beiden Romanen Psychopathen. Daraus ergibt sich eine zentrale Frage des Romans: Was ist eigentlich nötig, damit aus einem Menschen ein Wahnsinniger wird?

Trotz des oft unschlüssigen Verhaltens der Roman-Figuren ist „Nicht von dieser Welt“ ein spannender Roman, geprägt von einer lockeren Sprache, die einen angenehmen Lesefluss erzeugt und jede Menge Interpretationsstoff bietet. Indem Ulbricht angedeutete Schlüsselmomente immer wieder hinauszögert, hält er den Leser am Ball. Der Handlungsstrang bleibt dabei stets schlüssig: Ein altmodischer, zurückgezogener Mann steht im Krieg mit der modernen Welt, versucht sich mit ihr anzufreunden und versagt kläglich. Wer immer schon einmal wissen wollte, wie es ist den Verstand zu verlieren, ist mit „Nicht von dieser Welt“ gut bedient.

Wäre der Roman nicht von einem Lehrer geschrieben worden, der noch andere Parallelen zu seiner Hauptfigur aufweist, wäre das Buch vermutlich nur halb so kontrovers, wie es unter diesen Umständen ist. In vielen Punkten scheint Ulbricht sich selbst beschrieben zu haben. „Man wird Sie für Heinz Gödel halten!“ hatte man ihn immer wieder gewarnt. Aufgrund dieser Brisanz hatte Ulbricht es nicht leicht, einen Verleger zu finden. Wir haben uns mit dem Querdenker unterhalten. 

DS: „Sie haben ein paar Jahre an „Nicht von dieser Welt“ geschrieben. Dabei haben Sie auch an Ihrem Protagonisten Änderungen vorgenommen. Wer war Heinz Gödel ursprünglich und warum haben Sie Ihre Idee umgeworfen?“

Arne Ulbricht: „An der ursprünglichen Fassung habe ich von 2003 bis 2005 geschrieben, also in einer Zeit, in der es noch gar keine Smartphones gab. Diesen Aspekt musste ich natürlich in der jetzigen Fassung, an der ich von 2013 bis 2015 geschrieben habe, ändern. Heinz Gödel war 2003 noch ein richtiger Loser und darüber hinaus ein schlechter Lehrer, der kaum Englisch kann und von seinen Schülern wegen seiner schlechten Aussprache verhöhnt wird. Diese Rolle war mir zu schwach. Ich selbst hatte die ganze Zeit Mitleid mit ihm. Das war nicht meine Intention. In der jetzigen Fassung bewundere ich Heinz Gödel für seine unglaubliche Konsequenz – natürlich nicht dafür, was er am Ende der Geschichte tut.“

DS: „Die Thematik des Buches ist schwerer Stoff und Sie hatten es nicht leicht, einen passenden Verleger zu finden. Was war der Hauptgrund für die Absagen und warum hat Ihr jetziger Verleger zugestimmt?“

Arne Ulbricht: „Für die erste Fassung habe ich gleich eine Agentur gefunden, aber keinen Verlag. Warum, kann ich gar nicht genau sagen. Mit der zweiten Fassung habe ich mich selbst auf die Suche nach einem passenden Verlag gemacht. Es hat gedauert, bis ich einen gefunden habe. Der mochte letztlich zum einen die Thematik des Buches. Zum anderen gefiel ihm, dass ein Lehrer über einen Lehrer schreibt.“

DS: „Offensichtlich hat Ihr eigener Lehrer-Beruf Sie bei dem Roman inspiriert. Wie viel Wahrheit steckt in dem Buch?“

Arne Ulbricht: „Besonders meine Zeit als Referendar hat mich inspiriert. Diese Zeit war geprägt von einem ständigen Spannungsverhältnis zwischen mir und meinen Ausbildern, weil ich nicht immer ihrer Meinung war. Ich hatte das große Glück, dass meine Schüler mich immer mochten. Aber ich musste mich damals fragen: Wie geht es wohl einem Lehrer, der von seinen Schülern nicht angenommen wird? So entstand die Idee für den Roman.“

DS: „Ein Hauptthema des Romans ist Heinz‘ Abneigung gegenüber der modernen Welt. Als Gegner der Digitalisierung schottet er sich von seiner Außenwelt ab. Was genau stört Heinz eigentlich?

Arne Ulbricht: „Das Gefühl, mitziehen zu müssen, das Gefühl „entweder du hast auch ein Smartphone und Facebook und den ganzen Kram, oder du gehörst nicht dazu.“ Heinz denkt sich dann „okay, dann halt nicht“ und nimmt eine Protesthaltung ein. Ich persönlich bin kein Digitalisierungs-Gegner, mir bereitet nur das „Rudeldenken“ Sorge, der Zwang, mitziehen zu müssen, weil man sonst verloren ist. Auch Menschen, die es genießen, ab und zu mal nicht erreichbar zu sein, haben eigentlich keine andere Wahl.“

DS: „Also ist der Roman eine Warnung davor, dass wir uns in der digitalen Welt verlieren?“

Arne Ulbricht: „Definitiv. Wenn es eine Kernaussage gibt, dann die, dass den Leuten die Wahl gelassen werden muss, mit auf den digitalen Zug aufzuspringen oder eben nicht. Heinz Gödel mag zwar „nicht von dieser Welt“ sein, aber er stört damit ja eigentlich niemanden. Ein weiterer Appell geht an die Lehrer, sich nicht ebenfalls um jeden Preis total zu digitalisieren und alles andere aufzugeben.“

DS: „Sie wissen ja selbst, dass Heinz Gödels Biografie sehr viel mit Ihrer eigenen gemein hat. Leider wird aus Heinz Gödel ein Psychopath, der Gewaltphantasien hat und diese Kindern gegenüber auch auslebt. Stört es Sie nicht, dass die Leser dabei Rückschlüsse auf Sie ziehen?“

Arne Ulbricht: „Nö, das war mir ja von Anfang an klar. Natürlich haben Heinz Gödel und ich vieles gemeinsam, das heißt aber nicht, dass seine Gedanken meine Gedanken sind.“

DS: „Nicht von dieser Welt hat viele stilistische Parallelen zu ‚American Psycho‘. Warum haben Sie sich formal an diesen Roman gehalten?“

Arne Ulbricht: „Vor allem ist mir damals beim Lesen von ‚American Psycho‘ aufgefallen, wie wunderbar er zu lesen war. Das war ein Grund, meinen Roman ähnlich zu verpacken. Dazu kommen natürlich die inhaltlichen Parallelen, die gut zusammenpassen.“

DS: Wird Ihr nächster Roman ähnlich düster?

Arne Ulbricht: „Nein. Im Moment schreibe ich meinem bisher recherche-intensivsten Roman über Guy de Maupassant. Zurzeit lebe ich also viel im Paris des 19. Jahrhunderts. Maupassant war ein Frauenheld, der letztlich an Syphilis starb – also wieder das komplette Gegenteil von Heinz. Düster wird der Roman bestimmt nicht.“

DS: „Vielen Dank für das Gespräch.“

 

Text und Interview: Saskia Stiefeling

Arne Ulbricht wurde 1972 in Kiel geboren. Er wurde Lehrer, doch seine zweite Leidenschaft galt immer dem Schreiben. In seinen vieldiskutierten Kolumnen für renommierte Zeitungen setzt er sich kritisch mit dem deutschen Schulsystem auseinander. 2013 wurde er in den Medien zum „Lehrer, der kein Beamter sein will“, nachdem er auf seine Verbeamtung verzichtet hatte. Seine kritischen Texte wurden 2015 in seinem Buch „Lehrer, ein unverschämt attraktiver Beruf“ veröffentlicht. Zurzeit arbeitet er am Berufskolleg Neandertal in Mettmann. „Nicht von dieser Welt ist Ulbrichts erster veröffentlichter Roman.

mehr Infos auf www.arneulbricht.de

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